
Lyrik
Meine Lyrik bewegt sich zwischen innerer Wahrnehmung und Landschaft, wobei die äußere Natur zu einem Spiegel psychologischer und existenzieller Zustände wird. Sie verbindet häufig lyrische Bildsprache mit philosophischer Reflexion und schafft einen meditativen Raum, in dem sich die Sprache verlangsamt und Bedeutung ebenso sehr aus der Atmosphäre wie aus der Erzählung entsteht. Im Kern ist sie eine Suche nach der Verbindung zwischen der sichtbaren Welt und den verborgenen Strukturen der Erfahrung, die Erinnerung, Identität und Stille formen.
bora
im unterschied zu anderen wetterphänomenen, die gleichsam
teilnahmslos daherkommen,
selbst dann, wenn sie viel schaden anrichten, ist der wind -
sagt joseph conrad – wie ein
persönlicher feind. er stürmt dir
entgegen, macht deine bäume kahl
oder zwingt sie in seltsame
posen. andernorts erlaubt er nichts als
gras und gestrüpp oder deine nackte haut,
die eingerissene ferse einer alten dehydrierten frau oder der gepeinigte
rücken eines märtyrers, der im
morgengrauen seine wunden leckt.
und wie ein gedicht, doch scheinbar ohne
rhythmus, das mal in langen, dann
in kurzen strophen daherkommt,
mal kraftvoll viele wörter über dich
ergießt und dann wieder
nur ein paar verse verliert, sanft geradezu,
zärtlich, als gradatio, als stufenweise
ansteigende sequenz, um dich mit einem
gewaltigen wortschwall gleich im
nächsten augenblick zu bezwingen.
die bora ist ein eigentümlicher wind,
bricht ein wie göttliche ordnung, maskulin
und feminin in einem ist die bora der
wind, der diese gegend
orchestriert und choreografiert.
die bora züngelt, streicht und liebkost,
fährt unsichtbare hände ins laub
doch in der ferne donnert und rollt
das crescendo unaufhaltsam heran,
und kommt und kommt und kommt,
wo auch immer du sein magst,
findet sie dich,
entlädt sich, bricht und reisst,
stößt und zerrt und rupft
und verschlingt
es ist ein einseitiger liebesakt,
eines freundes jedoch, weil
du mit den jahren lernst, dass
die atmosphäre durch ihn geklärt,
der himmel sauber und klar, die luft
frisch und rein wird und du möchtest
conrad zurufen, dass du nun freier
atmen kannst und auch die
sonne ihres dazutut und
dass mit diesem wind
und etwas in dir
aufgehört hat
zu kämpfen
und still
ist.
karstquelle
überraschungsmoment, unwirklich,
weil nicht erwartet, spontanheilung
des totgeglaubten, wie wetterwechsel
am hochzeitstag, allen ankündigungen
zum trotz, eine einzige vogelstimme
im vereisten wald, endemiten wie neptungras und eselsdistel,
ein erster blick von oben in die
ungeahnte tiefe jener schlucht
oder
der luftzug auf der haut vom flügelschlag
der eule, der plötzliche blickkontakt mit einem luchs, und dennoch
nichts so verblüffend
wie berge, die flüsse gebären,
als gäbe es einen anderen raum,
aus dem zu jeder zeit
wahrheiten in den unseren
sickern
die kunst der abwesenheit
menschliche anwesenheit im
karst ist ein problem, weil sich
mit jeder hydroelektrischen anlage
in den unterirdischen grotten
der wasserstand ändert und
dann jährlich ein paar
tierarten aussterben, was
bedeutet, sie führt zu
abwesenheit
man müsste mit der landschaft
im gespräch sein,
oder noch besser:
die kunst der abwesenheit
praktizieren
so still sein
dass man die landschaft
im gespräch mit sich selbst
belauschen kann
abwesend anwesend sein
Calcium Carbonicum
Man müsste der Hochebene
ein bisschen vom Schutz der
Austernschalen
reichen. Zur Beseitigung der
ätzenden und nagenden Prozesse. Man
müsste die schroffen kargen
Oberflächen mit Ölen und Salben pflegen,
durch Höhlenöffnungen Halt
ins Poröse geben.
Ganz tief hinein müsste man
reichen, die Trennung
korrigieren. Man müsste
den im Innern sprudelnden Quellen
ans Licht verhelfen, sie sichtbar machen,
mit großen Potenzen all die
Tode heilen, die in den Schächten
hängen, die Schwere aus den Tälern
heben, und ganz viel Mut machen,
müsste man.
Menschen schicken, die Dolinen
halten, Stürze verhindern,
Lösungen finden
für lösliche Substanzen und
mit den Herden
wandern.
Das müsste man.
Oder müsste man Menschen
Kalziumkarbonat reichen?
Den Karst selbst zur Beseitigung
von ätzenden und nagenden Prozessen.
Ihnen lange Wege im Velebit verschreiben,
vorsichtig Missmut aus den Leibern
salben, Licht auf poröse Häute scheinen
und Hände und Füße in Bächen
baden, in kleinen Potenzen
Trost in die Schächte hauchen, Trennung
korrigieren, nichts tun, als
Trockenmauern zählen, in den
mrgari verweilen,
wo sich gestapelte Mauern
ins Weite entfalten, an
Höhlen sitzen und Lösungen finden,
mit den Tieren auf Gipfel steigen
und immer wieder auf warmen
Felsen liegen.
Das müsste man.