
Romane
Das Lied von der Erde
Genre: Roman
Umfang: Konzipiert für 350 Seiten
Handlungsort: Nordkroatien, am Mittelmeer, im dinarischen Karst
Handlung:
Der dinarische Karst ist die Natur, in der es im unvollendeten Roman „Das Lied von der Erde“ geht.
Der Karst ist ein hydrogeologisches System, das für seine Anwohner denkbar unwirtlich ist. Und dennoch leben, bauen, arbeiten und sterben Menschen dort seit Jahrtausenden.
Wo der Karst die Landschaft prägt, könnte man zwei Kartografien erstellen. Eine überirdische, die uns bekannte sichtbare Welt, und eine unterirdische, in der alle Höhlen verzeichnet sind. Die Horizontalen und Vertikalen, die Dolinen und Ponore, die ausgetrockneten Gänge und die Labyrinthe der unterirdischen Bäche und Flüsse, die Wasseradern, die die Berge durchziehen. Es ist eine Welt, die Menschen kaum zugänglich ist, nur lückenhaft von Speläologen erforscht. Und doch ist in ihre obersten Schichten die Geschichte derjenigen Menschen eingeschrieben, die die Oberfläche bewohnen. Was immer unbemerkt und unsichtbar bleiben sollte, was dem Vergessen übergeben wurde, liegt in den Öffnungen des Kalkgesteins. Kinder, die ihr Hab und Gut, ihr Wertvollstes, dem Stein übereigneten, fanden unzählige Nischen und Felseinschübe. Liebespaare vertrieben sich die Zeit dort, Katzen kamen zum Sterben. Vögel, Füchse, Bären, alle nutzen den Schutz der Felseinbuchtungen für sich. Auch die Überreste der vielen Kriege des 20. Jahrhunderts sind in die Natur eingeschrieben.
Hier hat Lena, die Protagonistin des Romans, vor über 50 Jahren ein neues Zuhause gefunden. Sie war in ein Land gekommen, das damals Jugoslawien war und heute Kroatien heißt. Sie kam als Fremde, war geblieben, hat ein Leben gelebt, in dem die einzige Konstante jene scheinbar kahlen und spröden Berge waren, die das Tal umgeben. Dort hat sie sich in ein einsames Häuschen am Rande der Gesellschaft zurückgezogen. Auch ihr Leben ist, wie der Karst, geprägt vom Trauma der letzten hundert Jahre. Sie hat geheiratet, den Mann wieder verloren, einen Sohn geboren und wieder verloren und war nie richtig Teil des Dorfes geworden, in dem sie ihr Leben verbracht hat. Und die Menschen in jenem Schwarzwalddorf, aus dem sie einmal gekommen war, hatte sie gleich als erstes zurückgelassen.
Eine letzte Sache möchte sie nun, im Alter von 73 Jahren noch machen. Sie will ihr Leben lesen und aufschreiben. Und weil das nicht so einfach ist, hat sie viele fiktive Unterstützer. Schriftsteller und Schriftstellerinnen – nämlich immer die, deren Bücher sie gerade liest – die sich in ihrem Häuschen materialisieren, mit ihr auf Wanderungen gehen und ihr dabei helfen, jenes letzte Buch zu Papier zu bringen, ihre Geschichte aufzuschreiben, die aber vom Karst nicht zu trennen ist.
Da ist Kamilo Orešković, jener berühmte Schriftsteller vom Balkan, der selbst Fremder in jenem Land ist und mit seinen Büchern gegen die Verletzung des Nicht-Dazugehörens in einer zerrissenen Welt anschreibt.
Der englische Autor Andrew Macmartin, der schon so viele unbekannte Wege gegangen ist, der Berge bestiegen und Wälder durchwandert hatte, Landschaften wie Dichtung liest und es versteht, das dort Gelesene in eine Sprache zu bringen. Und Ellen Godfrey, die sich mit Greifvögeln auskennt und Lena erklärt, was ihr die Weißkopfgeier über das Leben erzählen können, wenn sie nur willens ist, zuzuhören. David Morrison, der schottische Dichter, der wie ein Hierophant das Flüchtige im Profanen und Irdischen findet. Ach ja, und Matthieu Illard, der so weit durch die Welt gereist war, den Balkan in einem atemberaubenden Ritt durchquert hat, dass er dies in einem einzigen langen Monolog, einem einzigen Satz zu erzählen vermag, das Helle und Schöne wie das Dunkle und Hässliche. Einem Satz, in dem das alles zu einer großen Komposition wird, einem Musikstück: einem Lied von der Erde.
Und während Lena dieser Musik und ihren Interpreten lauscht und die Natur zu ihrem Lesestoff macht, beginnt sie sich selbst ein bisschen mehr zu verstehen. Von jedem der in ihrem Geist erschaffenen Erzähler und Erzählerinnen lernt sie etwas, das ihr Ringen mit der Niederschrift ein wenig leichter macht. Oder es sind vielleicht am Ende die Autoren selbst, die Lenas Arbeit erledigen? Schon möglich.
„Das Lied von der Erde“ handelt vom Lesen der Welt, vom Lesen des Karstes, vom Überleben in einer auf den ersten Blick unwirtlichen Natur, deren Reichtum und Schönheit sich aber jedem, der sich auf den Weg macht, schnell erschließt.
Boduli
Genre: Roman
210 Seiten
Handlungsort: Insel Krk, Vrnnik
Der Roman beginnt im Spätsommer des Jahres 2005 in Vrbnik. Der Sommer ist zu Ende, und mit der Bura kündigt sich der Winter an – jener Wind, der die Inselbewohner jedes Jahr in ihre Häuser zwingt und ihr Leben auf ein Minimum reduziert. Tea, eine der zentralen Figuren, bemerkt bereits am frühen Morgen, dass sich etwas verändert hat. Die Natur ist nicht mehr nur Kulisse, sondern eine atmende, sprechende Kraft. Der Wind bewegt nicht nur Blätter und Wolken, sondern auch Menschen. Noch bevor der Tag richtig beginnt, begegnet sie Davor – einem Mann, der sich seltsam verändert hat. Er wirkt abwesend, als sei er nicht mehr vollständig in der Welt verankert. Sein Gang ist mechanisch, sein Blick leer. Tea erkennt instinktiv, dass etwas endgültig verloren gegangen ist. Ein Todesfall liegt in der Luft, auch wenn er noch nicht ausgesprochen ist. Eine besondere Rolle spielt der Wind selbst. Die Winde treten im Roman nicht nur als Naturphänomene auf, sondern als sprechende, erinnernde Instanzen. Sie kommentieren, erinnern, verzerren und strukturieren die Ereignisse. Ein altes apokryphes Motiv – Engel, die über die Winde herrschen – wird mit der lokalen Inselrealität verschränkt. Dadurch entsteht ein poetisch-mythologischer Raum, in dem Natur und Bewusstsein nicht getrennt sind. Die Winde sind Träger der Geschichte. Sie speichern das, was die Menschen vergessen wollen: Gewalt, Verlust, Krieg, Liebe und Schuld.